Julian Bossert Trio

„Die sich aufschaukelnde Wucht des gleichmäßig federnden Beats provoziert Melodien die noch niemand kennt, weil sie wirklich neu sind.“ Julian Bossert

 

Kraft des Kompakten

Lakonik muss man können. Und man darf sie nicht mit Ironie verwechseln. Beides sind Künste der Anspielung und Abgrenzung. Doch die eine behält einen tiefen Ernst im Inneren, während die andere auf Distanz geht, ohne zu klären, was ihr genau am Gegenstand der Betrachtung liegt. Ein Stück wie „Feelings And Needs“ könnte man beispielsweise als Ironisierung von „Body And Soul“ verstehen, diese pfiffige Dreistigkeit, sowohl an die typisch balladenhafte Innerlichkeit der Interpretation anzuknüpfen, als auch harmonische Wendungen und Windungen zu übernehmen, eine Art Palimpsest der seit Coleman Hawkins immer wieder bemühten Intensität. Oder man könnte dem „Mystery Blues“ ein wenig „Line For Lyons“ unterstellen, mit dem „Ha!“ des Connaisseurs auf den Lippen, der den Künstler beim Adaptieren erwischt zu haben glaubt. Aber darum geht es nicht. Denn Julian Bossert, Henning Gailing und Dominik Raab legen mehr Offenherzigkeit in die Musik, als sein müsste, um dazu aus sicherer Entfernung Position zu beziehen. Das macht verletzlich und da wiederum hilft Lakonik, Contenance zu wahren, ohne die eigene Kunst in Frage zu stellen. Denn einerseits wirken die acht Kompositionen des Trios sonderbar vertraut. Sie sind neu geschrieben und knüpfen zugleich an Diskurse an, die spätestens seit den Vierzigern als Ideen Künstler jenseits des Mainstreams umtrieben. Cool nannten es damals die einen, free die anderen, im Sinne intellektueller Ungebundenheit, nicht der Dekonstruktion des Traditionellen. Lennie Tristano und sein Kreis machten es vor, wie sich Abstraktion in Transparenz übersetzen ließ, ohne dabei die Persönlichkeit und sogar die Emotion aus den Augen zu verlieren. Auch im Umfeld der Pioniere spielte Lakonik als Bauplan des Ausdrucks eine Rolle, wurde aber von vielen Zeitgenossen als Nüchternheit und Gefühlsenthaltung missverstanden, obwohl viel Herzblut in der Musik steckte, nur eben nicht nach dem typisch romantischen Muster geniehafter Zügellosigkeit präsentiert. Julian Bossert, Henning Gailing und Dominik Raab fühlen sich mit ihren Aufnahmen dieser latent lakonischen Haltung des fröhlichen Ernstes verbunden und sie haben gerade an der Vielfältigkeit der Kontraste Spaß, die sich daraus entwickeln lassen. Es braucht dazu nicht die üblichen Mechanismen jazzmusikalischen Erkennens, die an eingeübten Mustern von ostentativer Komplexität, wilder Expressivität oder offensichtlicher Grenzüberschreitung andocken. Julian Bosserts Trio pflegt vielmehr die dynamische Rücknahme, die Beschränkung auf Grundmuster etwa des Besen- und Beckenspiels, der walkenden Bassphrasierung oder den samten geblasenen Ansatzes, die dann in der Detailarbeit ihre Kraft entfalten. Sie verzichten auf die Sicherheit des Harmonischen und spielen mit der Offenheit der Andeutungen, die sich daraus ergeben. Sie konzentrieren sich auf pointierten Swing, auf den Groove im Feinen, vor allem auf das Zusammenwirken der Charaktere, die der Musik die Anmutung des Organischen verleihen und zugleich genügend Integrität behalten, um nicht klischeehaft zu wirken. Wieder hilft das Lakonische, Unkommentierte und bewusst Kompakte, um der Musik eine Aura der Präsenz zu verliehen. Man hört das Lächeln, aber auch die Klarheit, den Wunsch, das Ziel. Dead Beat, Bad Deed – und vielleicht ist doch auch ein Körnchen Ironie im Spiel. Ein Augenzwinkern nur. Ralf Dombrowski

 

Julian Bossert – alto saxophone

Henning Gailing – bass

Dominik Raab – drums

 

 

 

Photos: Lena Semmelroggen